Foto: A. Zelck / DRKS




Ich weiß, was jetzt auf der Leitstelle geschieht: Schon während der Notruf geführt wird, sucht der Computer die zuständige, also die nächstgelegene Rettungswache heraus. Dorthin setzt der Mitarbeiter der Leitstelle die Meldung über den Notruf ab. Über einen Pager, den „Piepser“, empfängt die Rettungswache die nur drei Zeilen umfassende Meldung: Neben Namen und Adresse, Uhrzeit und Datum erscheint ein Alarmstichwort auf dem Display, das den Notfallsanitätern den entsprechenden Hinweis auf den Notfall gibt.



Überhaupt registriere ich, dass mit mir jetzt lauter Dinge geschehen, auf die ich keinen Einfluss mehr habe. Während Herr Panter, den Namen habe ich mir gemerkt, die ganze Zeit beruhigend auf mich einredet, fühle ich, wie an meinem Arm, am Bein, um meine Herzgegend lauter kleine Pads aufgeklebt werden. „Aha“, denke ich, das ist für die Verkabelung mit dem EKG. Als ich das nächste Mal aufblicke, steht die Notärztin neben mir, neben ihr kniet ein weiterer Notfallsanitäter vor einem, wie mir scheint, riesigen, geöffneten Medikamentenkoffer.



Am linken Oberarm bemerke ich, wie ein Gurt festgezurrt wird, um so den Zugang zur Vene vorzubereiten. Aus dem Augenwinkel sehe ich links, wie der Notfallsanitäter vor dem überwältigenden Medikamentenkoffer tatsächlich eine Medikamentenampulle mit einer bedrohlich wirkenden Nadel aufzieht. „Was ist das denn?“, frage ich ängstlich? „Na, soll doch alles echt sein – auf dem Foto.“, meint er leicht frotzelnd. „Keine Sorge!“ Nachdem die Notärztin den Zugang zur Vene „gelegt“ hat, mir eine Injektion „gegeben“ und den Zugang gut in meiner Armbeuge festgeklebt hat, erhält meine Tochter, die die ganze Zeit über beschützend hinter mir steht, die Aufgabe, die Tropfflasche schön senkrecht zu halten. „Denn auch die Angehörigen müssen mit betreut, am besten beschäftigt werden. Sonst kann es schon mal vorkommen, dass wir noch einen Patienten haben.“, erklärt mir Herr Panter.

Auf einmal sehe ich die Trage vor mir. „Was muss ich denn jetzt machen?“, frage ich. „Sie dürfen gar nichts machen.“, bekomme ich als Antwort. „ Sie sind jetzt versorgt, wir haben Ihren Zustand stabilisiert und können Sie jetzt ins Krankenhaus transportieren.“
Vier Leute stehen um mich herum, acht Hände umfassen und heben mich vom Stuhl auf die Trage. „Eins, zwei, drei!“, hat das Kommando gelautet und schon liege ich auf ihr, werde zugedeckt, bekomme die Tropfflasche in die Hand; die Sauerstoffflasche liegt an meinen Beinen. Einer der Notfallsanitäter, Herr Hartwich, - inzwischen habe ich die kleinen Namensschildchen an den Jacken wahrgenommen – trägt den orangefarbigen, vermeintlichen Koffer, den Corpuls; denn ich bin ja nach wie vor an das Gerät angeschlossen. Überhaupt habe ich das Gefühl, von einem Meer aus Rot-Orange umgeben zu sein: alle tragen rot-orange Jacken und Hosen. Ich fühle zwei feste Gurte um meinen Nacken und die Schultern, es macht „klick“. „Werde ich etwa festgeschnallt?, frage ich. „Nein, aber angeschnallt. Sie wissen doch: im Auto herrscht Anschnallpflicht, das gilt auch für den Rettungswagen.“



Eine Tür öffnet und schließt sich. Aus dem Fahrerraum schiebt sich etwas Rot-Oranges zu mir hin. „Vielleicht doch keine schlechte Idee, diese Farbwahl inmitten des kühlen Weißes“, überlege ich. Neben mich setzt sich Herr Panter. „So, ich bleibe jetzt bei Ihnen.“, sagt er. „Dafür bin ich nämlich da. Meine Aufgabe ist es, zu Ihnen eine vertrauensvolle Beziehung inmitten all der Hektik aufzubauen, damit sie sich nicht noch mehr aufregen und merken, dass Sie nicht allein gelassen werden. Ich bin praktisch derjenige, der mit Ihnen unterginge, wenn der Wagen da vorne in den Kanal stürzen würde. Die anderen könnten sich ja retten, aber mein Platz wäre immer hier beim Patienten!“ „Wie beruhigend“, denke ich und kann mir auf einmal vorstellen, dass er dieses Vertrauen zwischen sich und dem Patienten auch tatsächlich herstellt.
Dabei entsprach Herr Panter anfänglich so gar nicht meiner Vorstellung eines Notfallsanitäters. Aber was für eine Vorstellung hatte ich eigentlich? Jedenfalls keine mit einem Rauschebart. „Rasputin“, wie ich Herrn Panter aufgrund dieses Bartes insgeheim nenne (ich hoffe, er sieht mir das nach),erzählt, dass sie im Schnitt fünf mal pro Tag einen Einsatz mit der Notärztin zusammen haben. Allerdings käme es doch häufig zu Fehleinsätzen. Grund dafür sei die Falscheinschätzung des Notrufes. Eine Ausschlag gebende Rolle spiele die Frage nach der Ansprechbarkeit. Wenn es heiße, nicht mehr ansprechbar, müssten eben Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeug ausrücken.
„Aber wie kommt es denn zu so einer Fehleinschätzung?“, frage ich. „Na, wenn, jetzt übertrieben dargestellt, die Leute sagen: `Kommen Sie schnell, unserem Opa geht es nicht gut.` `Ist er denn noch ansprechbar?`, wäre die nächste Frage der Leitstelle. Wenn es dann heißt: `Nein, überhaupt nicht mehr!`, fahren wir los. Und was finden wir vor? Einen alten Herrn, zwar aufgeregt, aber bei vollem Bewusstsein. Auf unsere Nachfrage hören wir: `Natürlich bin ich ansprechbar! Aber mit den Kindern habe ich doch Streit. Mit denen rede ich schon seit drei Jahren kein Wort mehr!`“



